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„Durch die vielen kleinen Aufträge kann ich Menschliches ins Zentrum stellen und immer selbst entscheiden.“

Autorin: Monia Ben Larbi

 

Carolines (Name geändert) erste Angsterfahrungen hatte sie mit etwa sechs Jahren, doch erst nach der Wende hat sie dank Talkshows einen Namen dafür gefunden. Als Kind wurde sie für ihre Panikattacken bestraft, weil sie dann nicht mehr funktionierte, was wiederum natürlich ihre Angst steigerte. Trotzdem hat sie es irgendwie mit sehr vielen Fehlzeiten geschafft, die Schule zu beenden, eine Ausbildung zu machen und zu arbeiten. Sie lernte Industriekauffrau, obwohl sie leidenschaftlich gerne Sanitäterin geworden wäre, absolvierte sogar widerwillig ein Fernstudium im Rechnungswesen. Ihre sehr guten Noten haben ihr immer wieder Ausnahmen ermöglicht, wenn sie es nicht regelmäßig genug zum Unterricht schaffte – oftmals, weil sie vor der Anreise einfach zu viel Angst hatte. Doch nicht immer konnte ihr Leistungsdrang sie retten. Ihre erste Anstellung, die sie wirklich mochte, an der Kasse in einem Kaufhaus, verlor sie, weil sie zu oft krank war.
Caroline erzählt ganz klar, freundlich und reflektiert von Erfahrungen mit Missbrauch, Ausgrenzung, Angriffen und Erniedrigung aus der Familie, der Schule und der Nachbarschaft, von einer Zeit, in der, was wir heute als Panik erkennen, mit Schwäche oder Alkoholismus erklärt wurde. Sie erklärt, wie sie heute noch mit posttraumatischen Folgen kämpft und sich sehr disziplinieren muss, um nicht überall zu vermuten, dass Leute über sie spotten. Ich bin beeindruckt von dieser klugen Frau, die in den wenigen Jahren Therapie so viel gelernt hat und es so diszipliniert umsetzt. „Ich würde es aber nach wie vor als Überleben bezeichnen“, erwidert sie, als ich ihr von meinem Respekt berichte.


Nach ihrem zweiten Kind eskaliert ihre Angststörung so weit, dass sie vier Jahre das Haus nicht alleine verlassen kann, was zu erheblichen Problemen mit ihrem ersten Kind führt. Wenn sie es doch vor die Tür schafft, beginnt sie auf dem Gehweg so zu schwanken, dass das ganze Dorf sie für eine verantwortungslose Alkoholikerin und schlechte Mutter hält. Sie erfährt im Fernsehen von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie, beginnt zu begreifen, dass es nicht ihr Kreislauf ist und sie nicht kurz vor einem Herzinfarkt steht, sondern vielleicht Angstpatientin ist. Sie füllt die Anmeldebögen auch aus, traut sich aber aus Angst vor der Konfrontationstherapie dann doch nicht, sie abzuschicken. Überraschende Hilfe erhält sie dann von der Erziehungsberaterin, die ihr klarmacht, dass sie sich ändern muss und nicht ihr älteres Kind. Zum ersten Mal fragt sie jemand, was sie eigentlich will. Sie weiß es sofort: Krankenschwester sein. Die Sehnsucht ist so groß, dass sie sich direkt zur Ausbildung anmeldet und als sie am ersten Tag das Haus nicht verlassen kann, spontan ein Taxi ruft. Eine Kollegin nimmt sie so oft sie kann mit dem Auto mit, an den Tagen, an denen sie die Straßenbahn nehmen müsste, schafft sie es jedoch meistens nicht. Wieder gelingt es ihr, dank guter Noten eine Ausnahmeregelung zu erlangen und sie wird zur Prüfung zugelassen. Und als sie endlich ihren Führerschein macht, findet sie endlich einen sicheren Ort in der Welt: ihr Auto.


Obwohl sie am Arbeitsplatz selbst für ihre guten Leistungen bekannt ist (nicht unbedingt beliebt), hat sie nicht immer ihre Angst im Griff. Einmal hat sie so große Angst vor einer OP, dass sie flüchtet. Das Auswertungsgespräch nach der Probezeit ist so gefüllt mit Vorwürfen, dass ihre soziale Angst sie zur Kündigung treibt. Ihre Pflegeleitung verabschiedet sie mit den Worten: „Am besten suchen Sie sich einen Job im stillen Kämmerchen, wo sie niemandem schaden können.“


Caroline und ihr Mann haben sich zur Wendezeit leider massiv verschuldet, viele Kredite aufgenommen und sind so tief in der Schuldenfalle gelandet, dass es keine Option mehr gibt, nicht zu arbeiten. Sie wechselt in die Hauskrankenpflege für € 800,00 in Vollzeit, oftmals 14 Stunden am Tag und macht parallel die Ausbildung zur Pflegedienstleiterin. Jeden morgen steht sie mit großer Angst auf, ihr Auto trägt sie durch den Tag. Sie liebt ihre Patient:innen, eckt mit Kolleg:innen jedoch regelmäßig an, auch als sie später ins Heim wechselt. Sie hat einen sehr hohen Anspruch an Gerechtigkeit und Pflegequalität und scheut den Kampf nicht mehr, auch wenn sie sehr darunter leidet. So landet sie wieder in einem sehr vorwurfsvollen Gespräch, dem sie wieder nicht standhält und bricht zusammen, verfällt in eine 18-monatige Depression. Dieses Mal geht sie endlich den Schritt in eine stationäre Therapie. Die Konfrontation mit ihren Ängsten ist so schlimm, dass sie sogar eine Woche in der Psychiatrie landet, als Schutz vor sich selbst. Und doch fühlt sie sich in der Klinik zum ersten Mal in ihrem Leben sicher.
Als gute Krankenschwester fällt es ihr nicht schwer, wieder einen Job zu finden, auch wenn sie weiß, dass sie ihr Misstrauen und ihr Kopfkino noch nicht im Griff hat, ihr Kämpfen nicht immer gerechtfertigt ist und sie noch immer große Schwierigkeiten mit Konfrontation hat. Als stellvertretende Leitung in der ambulanten Pflege stößt sie auf eine cholerische Führungskraft, der sie sich immer wieder, u. a. im Rahmen von Supervision, stellt. Und doch somatisiert sie ihre Angst immer mehr, sie hat starke Rückenschmerzen und der Schwindel wird immer stärker und häufiger. Wieder begibt sie sich in die Klinik, wieder entwickelt sie sich ein Stück weiter, wieder versucht sie es, trotz aller Vorwürfe, dass sie mal wieder „krank gemacht hat“. Doch ihre anfängliche Euphorie für den Pflegeberuf kippt immer weiter, obwohl sie den Umgang mit den Patient:innen weiterhin liebt. Ihr Kampf um Gerechtigkeit nimmt zu, gleichzeitig fühlt sie sich immer mehr ausgegrenzt. Um ihre Schulden abzubezahlen, meldet sie sich bei zwei Haushalten, die Putzhilfen suchen. Ihr Schwindel wird immer stärker und eskaliert in einer Nacht, in der sie trotz kleinem Autounfall nicht abgelöst wird. Sie versorgt noch schwankend ihre Patient:innen und bricht wieder zusammen.


Mir ist fast auch ein wenig schwindlig von der Überforderung, von der sie spricht. Ich muss über die katastrophale Situation unserer Pflegekräfte nachdenken, wie wichtig ein gutes Team ist, bin unsicher, wie sehr sie wirklich ausgegrenzt wurde und wie viel davon eine selbsterfüllende Prophezeiung war. Sie ist, wie immer, absolut ehrlich. „Ich weiß es nicht, ich kann das immer noch nicht richtig einschätzen. Ich habe letztens meine ehemalige Vorgesetzte getroffen und unsere Begegnung war absolut herzlich. Aber an fachlichem Respekt hat es mir ja nie gefehlt.“
Caroline kehrt zurück in die Klinik und besucht zum ersten Mal nicht nur die Angstgruppe, sondern befasst sich auch mit Burnout. Sie lernt ihr Muster „Funktionieren bis zum Umfallen“ genauer kennen, versteht, dass Überengagement zu Frustration führt und diese wiederum zu Depression. Als sie nach 1 ½ Jahren zurückkehrt, fragt ihre Vorgesetzte, ob sie nicht lieber umschulen möchte. Nachmittags liegt die Kündigung im Briefkasten.


Wir sprechen kurz darüber, was ihr geholfen hätte. Das Wort, das sie immer wieder nutzt, ist „Fürsorgepflicht“. Sie hätte sich Schutz gewünscht vor den Anschuldigungen, „krankzumachen“. Und Schutz nachts alleine auf der Straße, das Wissen, dass jemand sie ablösen würde, wenn es nötig wird. Und Burnout als Thema, das alle betrifft.
Diesen Schutz musste sich Caroline auch bei Ärzt:innen erkämpfen. Als Patientin mit anerkannter Angststörung werden alle Beschwerden hierauf geschoben, sie ist sich jedoch inzwischen sicher, dass der Drehschwindel eine andere Ursache haben muss. Auch hier wieder muss sie kämpfen, bis zur Anzeige eines Arztes bei seinem Vorgesetzten. Dann endlich nimmt sie jemand ernst und diagnostiziert Hashimoto. Auch wenn der Schwindel nicht ganz weg ist, ist ihre Lebensqualität doch wesentlich besser.


Caroline beschließt auf Anraten ihrer Neurologin nicht in den Beruf der Krankenschwester zurückzukehren. Stattdessen breitet sie ihre Tätigkeit als Raumpflegerin weiter aus. Ab und an nimmt sie eine Sterbebegleitung an, mit viel Zeit, sich zuzuwenden, da sie nicht mehr im Akkord arbeiten muss. Sie wird so häufig weiterempfohlen, dass sie schließlich 13 Haushalte versorgt und prompt einen Hörsturz erleidet. Doch heute reagiert sie sofort, sagt die zwei Haushalte, die für sie psychisch am anstrengendsten sind, konsequent ab. In dieser Kleinteiligkeit hat sie ihre Lösung gefunden: wenn sie einer Auftraggeber:in absagt, fällt ihr finanzielles Konstrukt nicht in sich zusammen. Sie kann sich die Menschen aussuchen, für die sie arbeitet und sie auch wieder verlassen, wenn ihr Trauma getriggert wird. Noch immer wacht sie jeden morgen panisch auf, doch wenn sie sich diszipliniert und das Haus verlässt, wird es im Laufe des Tages immer besser. Ihr Beruf gibt ihr heute mehr als er ihr nimmt: sie erhält Anerkennung, einen Grund, das Haus zu verlassen und die Möglichkeit, weiterhin ihre Kredite abzubezahlen. Sie ist zu ihren Auftraggeber:innen absolut transparent, fällt nur sehr selten aus. Ihre Angst beeinträchtigt ihre Arbeit kaum, sie kann in ihrem eigenen Tempo vor sich hinarbeiten und alle haben Verständnis dafür, dass ihre Tagesform nicht immer gleich ist. In den beiden Haushalten, die sie bereits während ihrer Angestelltentätigkeit betreut hat, arbeitet sie noch immer, seit weit über 10 Jahren. Sie sind Freunde geworden.
Und doch hat auch Caroline wie alle gesunden Kranken, mit denen ich spreche, noch immer viel Scham. Sie hat das Gefühl, in ihrem Traumberuf versagt zu haben, weiß auch, dass sie nach den ganzen Jahren nicht mehr auf dem aktuellen Stand ist, auch keine gute Krankenschwester mehr wäre. Doch sie ist auch froh, einen Arbeitsweg gefunden zu haben, der ihr mehr Angst nimmt als ihr Angst macht, der sie bei der Bewältigung ihrer chronischen Erkrankung unterstützt und der sie stärkt. Denn ohne Arbeit, da ist sie ganz sicher, würde sie sich wieder verkriechen und dann nimmt die Angst sofort wieder radikal zu.